Das Problem heißt nicht Kevin

Klaus Peukert » 08 Februar 2012 » in Piraten »

Gestern durfte Kevin Barth, der nach Karl Ranseier wohl erfolgloseste Vorsitzende eines Piraten-Kreisverbandes die Dynamiken des "Web 2.0" erfahren und musste knapp 5h, nach dem seine rassistische Kackscheiße einem größerem Publikum bekannt wurde, den orangenen Dreispitz über die Planke werfen. Nebenan gibts eine kleine Zusammenfassung, haben die meisten ja sicher eh mitbekommen. Das die ganze Gründung des KV komisch riecht, weil Familie Barth + Bekanntschaft da fast in Fußballmannschaftsstärke einrückte is noch ne andere Geschichte, aber darum solls hier nicht gehen

Das ist jetzt wieder alles herzlich dämlich, "tyisch piratig" möchte man meinen, aber hey. 10% Spinner gibts überall und wenn halt ein Dutzend Leute zum Gründen eines KV ausreichen muss man sich nicht wundern, wenn irgendjemand tatsächlich diesen Hack pullt. So weit, so schlecht. Das Problem ist auch nicht die Kackscheiße von Herrn Barth (dem Piraten), kein halber Tag von Scheißesturm bis Rücktritt is schon ganz ordentlich als Reaktion und Zeichen, das man das eher so untergut findet. OK, fehlt noch der notwendige Austritt und die Erkenntnis, das man bei Piraten falsch ist, aber da kann man ihm und dem familiären Anhang ja mal bis zum Wochenende Zeit geben.

Der Vorstand des LV BaWü hat die Sache nun sehr intensiv begleitet und die "Sprengkraft" des Ganzen zeitig erkannt (es gibt noch Gerüchte, das im familiären Dunstkreis wohl auch andere (Ex-)Parteien als nur CDU vorhanden sein soll) und sich drum gekümmert. Und auch zeitnah eine Erklärung rausgegeben. Man distanziert sich von "Antisemitismus, Rassismus und sonstiges radikalem Gedankengut " und zeigt damit (unabsichtlich) das eigentliche Problem der Piratenpartei auf. Das sind nämlich nicht die Kevins und Bodos, sondern die, wie ich es nenne, "relativierende Rumwieselei" um Begriffe wie "extremistisch" und "radikal".

Es geht beim Fehltritt von Kevin Barth ganz klar um antisemitische Kackscheiße. Warum muss man nun, ohne tatsächliche Not, nicht nur diese Kackscheiße, ähm, Scheiße finden, sondern gleich auch noch "radikales Gedankengut"? Lehnt man im LV BaWü auch den MdA der Piraten Simon Kowalewski ab, der sich als "Radikalfeminist" bezeichnet? Das ist doch Mist!

Diese (unabhängig vom Fall Barth) permanente, parteiweite Unfähigkeit zu sagen "Wir finden Nazis Scheiße" ohne automatisch ein "andere Extremisten aber auch" dranzuhängen, das ist das eigentliche und grundsätzliche Problem der Piraten im Umgang mit ihren Rechtsauslegern und sonstigen Spinnern.

Es scheint Piraten geradezu körperliche Schmerzen zu bereiten, sich einfach mal klipp und klar, ohne relativierende Anhängel, von Nazischrott, von (Alltags)Rassismus, Antisemitismus usw. zu distanzieren. Dabei gibt es eine wunderbar klare Position im Grundsatzprogramm der Partei, die sich sogar auch gegen den Alltagsrassismus in der Mitte der Gesellschaft (der Fall Barth is da wohl ein Paradebeispiel für) wendet, ohne gleichzeitig merkbefreiten Extremismustheorien ministerialer Helmut-Kohl-Posteraufhängerinnen das Wort zu reden:

Darum muss Rassismus und Ausländerfeindlichkeit jeder Form entschieden entgegengetreten werden, ebenso wie anderen Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Biologistische Weltbilder, in denen Menschen bestimmter Abstammung anderen als von Natur aus überlegen angesehen werden, sind wissenschaftlich widerlegt und unvereinbar mit den Werten und Zielen der Piratenpartei, ebenso wie jene Ideologien, die ganzen Bevölkerungsgruppen kollektive Hegemoniebestrebungen unterstellen, um die angebliche Notwendigkeit eines "Kampf der Kulturen" zu propagieren. Beispiele für derartige Ideologien sind Antisemitismus und Islamhass. Dabei gilt es das Augenmerk nicht nur auf den rechten Rand der Gesellschaft zu legen, sondern Vorurteilen und Intoleranz auch in der Mitte der Gesellschaft beim Alltagsrassismus, latent antisemitischen Stereotypen und der um sich greifenden Islamfeindlichkeit entgegenzutreten.

Es ist mir unbegreiflich, wie man trotz dieser klipp und klaren Position sich trotzdem nochmal ohne Not in die Nesseln setzt und eine eigentlich gute, zügige und passende Reaktion (wäre Barth nicht zurückgetreten, wäre er wohl zeitnah durch den LV aus dem Amt entfernt worden) durch so eine "relativierende Kackscheiße" kaputtmacht. Und über die gestern noch durch meine Timeline wabernden Berichte, das Bundesvorstand Schrade aka Kungler zwar den Rücktritt herbeireden konnte, danach aber wohl meinte, das Kevin ja wohl selbstverständlich kein Antisemit sei und die Äußerung zwar antisemitisch, aber nicht antisemitisch gemeint war, will ich gar nicht nachdenken...

Liebe Piraten, bittebittebittemitzuckerobenauf: Laßt den hehren Worten in Satzung und Programm auch klare Taten folgen. Distanziert Euch nicht nur verbal von den Kevins und Bodos dieser Partei, gebt ihnen keinen Fußbreit Platz. Ihr könnt ihre Mitgliedschaft nicht verhindern und sie nicht oder nur schwer rauswerfen. Aber ihr könnt ihnen, verdammt noch eins, klar und deutlich machen, das sie bei Piraten keinen Spaß haben werden.

"Antisemistische und rassistische Kackscheiße hat bei uns Piraten keinen Platz. Keinen Fußbreit. Punkt."

Es ist doch so einfach.

UPDATE: Die Piraten BaWü haben das Statement verbessert und die zweifelhafte Rundum-Distanzierung entfernt. Danke.

Trackback-URL für diesen Eintrag

0 zu "Das Problem heißt nicht Kevin"

Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)
  1. Noch keine Kommentare

0 zu "Das Problem heißt nicht Kevin"

  1. Keine Trackbacks
Die Kommentarfunktion wurde vom Besitzer dieses Blogs in diesem Eintrag deaktiviert.
cronjob