Wehret den Anfängen?
Nebenan kommentierte corax zu meinem "Taschengate"-Beitrag:
wenn ich meine prinzipien aus 'sachzwängen' oder 'ist halt jetzt so' bei der allerersten gelegenheit über bord schmeiße weil: 'ich will ja politik machen' brauch ich keine politik mehr zu machen. ab dem moment bin ich nämlich genau so ne politiknutte wie die, weswegen ich überhaupt in die politik gegangen bin. wehret den anfängen.
Ich schreib meine Replik hier hin, damits nicht in den Kommentaren versauert, is doch was länger geworden.
Die ersten Abgeordneten in Parlamenten, insb. den kommunalen, müssen trotz aller Transparenzwünsche an geschlossenen Ausschusssitzungen teilnehmen, dürfen vertrauliche Dokumente nicht öffentlich verwenden, noch lange nicht alles wird gestreamt oder ins Pad live protokolliert, die Partei kauft für 40 kiloEUR ne ClosedSource-Software weils schlicht nix brauchbares im FLOSS-Bereich gibt, LiquidFeedback ist je nach perspektive entweder Stasi2.0 oder ein Wahlcomputer usw. usf.
Unsere Ideale prallen schon immer gegen die Realität und können schon lange (noch) nicht 100% um- und durchgesetzt werden. Insofern ist das "Wehret den Anfängen"-Argument zwar super idealistisch, die tatsächliche Realität zeigt aber, das es trotzdem nicht von heute auf morgen und Knall auf Fall funktioniert. Es geht einfach nicht. Noch nicht. Und, wie geschrieben. Ja, Taschenkontrollen, ob generell, stichprobenartig oder überhaupt sind Scheiße. Kein Dissenz. Aber sie stehen nun mal im Raum und dann müssen wir sehen wie wir damit umgehen.
Angesichts der Situation, das "nach Berlin" nicht 600 unermüdliche zum "langweiligen" Programmparteitag kommen, sondern vielleicht mehr als doppelt so viel, ist das immer noch doof, immer noch ein Grund für die Orga das möglichst noch wegzuverhandeln, aber es ist kein Showstopper, den BPT in den Orkus zu kippen, denn das ist die Alternative die bleibt, wenn man Kreativität im Umgang mit diesen, und ich verwende hier das Schimpfwort bewußt, "Sachzwängen" als Lösung ausschließen will.
Wie wäre es denn mit einem Gepäckbus, wie er zur Weihnachtszeit in Innenstädten steht? Eine Straße weiter vom Veranstaltungsgelände weg, daneben ne Gulaschkanone und nen Glühweinstand und schon kann jeder ohne Tasche rein, muss dem "bösen Caterer" (der übrigens nicht mal für die Taschenkontrollen verantwortlich ist) keinen einzigen Taler in den Rachen werfen und die Kontrollen fallen weg, weils keine Taschen zu kontrollieren gibt.
Daneben noch ein dezentrales Wahllokal ("Bingen-Nord" anyone?) und man hat gleichzeitig noch ne Raucherinsel und so weiter. Aber ich denk vermutlich wieder zu einfach und lösungsorientiert. Andererseits kann man natürlich auch fußaufstampfend die Realität ignorieren und irgendwas von "anfechten" blubbern. Ist echt alles was Euch bei Widerstand fällt ne Klage? Dann einfach BPT kaputtmachen statt die Realität zu hacken? C'mon.
Man muss ständig, auch bei "Eingriffen in die Privatsphäre", zwei Beispiele stehen ja oben, weitere existieren, zwischen zwei konkurrierenden Rechtsgütern abwägen, und man muss überlegen welches in dem konkreten Fall schwerer wiegt (siehe etwa den aktuellen Fall, wo man keine Bilder vom Kachelmann zeigen, dieser aber den bildmachenden Journalisten weiter ins Netz stellen darf). Auch die Konfliktlinie "Datenschutz" vs. "Transparenz" ist so eine, wo fängt Datenschutz/Persönlichkeitsrecht an, wo hört notwendige Transparenz auf? Auch hier muss man jedesmal entscheiden und abwägen.
Bei "Taschengate" kann und muss das letztlich jeder für sich selber machen. Der eine bleibt gleich zu Hause, der andere fährt auf Krawall gebürstet hin und zieht dann wutschnaubend vors BSG, welches ihm erklären wird das er im Unrecht ist, die nächste ruft halt die Polizei, läßt sich von der statt dem Einlaß die Tasche kontrollieren, gewinnt nix außer das warme Gefühl sich im Recht zu fühlen und geht dennoch nicht unkontrolliert in den Saal.
Ich für meinen Teil werde, so sich nichts ändert oder ich nicht auch ohne "Gepäck" zurechtkomme, den (vorhandenen, aber geringen) Eingriff in meine Privatsphäre hinnehmen, weil die Alternativen (Wutpirat, zu Hause bleiben, BPT wegklagen) weder mir noch der Partei noch der politischen Willensbildung helfen.
Was ihr macht, ich weiß es nicht. Müsst ihr selbst entscheiden.
Ich mach das mit der Politik.

0 Kommentare zu "Wehret den Anfängen?"
0 Trackbacks zu "Wehret den Anfängen?"
Kommentar schreiben