Unser täglich Wahnsinn gib uns heute

Klaus Peukert » 09 November 2011 » in Piraten » 6 Kommentare

Ein Gastbeitrag von Stephan Urbach, der diesen Text leider nicht auf der "Flaschenpost", der Mitgliederzeitung der Piratenpartei veröffentlichen durfte:


Oh, ein Fax kommt rein. "Ausdrucken, Stempel drauf und abheften" ist mein erster Gedanke, ist es doch bestimmt ein Mitgliedsantrag. Ich öffne das Fax. Zwei Seiten. Eine zu viel für einen Mitgliedsantrag. Ist es auch nicht. Es ist ein Pamphlet. Adressiert an die FAZ, das Bundesjustizministerium, das Bundesinnnenministerium, die atheistische Humanistische Union (sic!), den Chaos Computer Club und die Piratenpartei. Eigentlich ist es nur an Herrn Schirrmacher gerichtet. Der Sender möchte aber die anderen Stellen informiert halten. Es ist nicht das erste solcher Faxe und wird auch nicht das letzte sein. Das weiß ich. Sehr genau mittlerweile. 

Ich leite seit vier Monaten die Bundesgeschäftsstelle der Piratenpartei Deutschland. Ich habe das Privileg, wenn man so manchen Piraten glauben darf, im Zentrum der Macht zu sitzen und die Eingangspost und Faxe zu lesen. Ich entscheide über Leben und Tod einer Nachricht an die Partei. Jawohl, ich. Ach, wenn die wüssten. Wenn die wüssten, was hier jeden Tag so eintrudelt. Nicht nur per Fax oder Brief, auch Emails werden gerne und viel geschickt. Mit Verteilern, die über jede größere Zeitung Deutschlands hinaus, über den Bauernverband, den ADAC und die Gewerkschaften, sämtliche kleinere und größere Parteien, über die Ministerien bis hin zu angela.merkel@bundestag.de reichen. Jawohl, die Kanzlerin. Und damit die Kanzlerin was macht, wird Druck ausgeübt, in dem der Verteiler wild vergrößert wird, bis er zur Unkenntlichkeit entstellt ist. Es müssen sehr verzweifelte Menschen sein, die nicht mehr wissen, an wen sie sich wenden sollen, wer ihnen bei ihrem Problem helfen kann. Sicherlich haben sie es schon überall versucht, denn das angetane Unrecht, um das es in 99% der Fälle geht, muss gesühnt, ja gar revidiert werden. Da hilft auch kein normaler Anwalt mehr, denn meistens wurde es schon durch alle Instanzen durchgefochten ("Urteile und Briefwechsel anbei"). 

Wir schütteln gerne den Kopf über solche Nachrichten, lachen uns gar tot darüber. Es ist zu bizarr, zu alles, um es noch zu begreifen. Zum Abstumpfen tragen die normal verwirrten Nachrichten noch bei. Ob wir einen Anwalt bräuchten, der Notstandsgesetze schreiben könne, oder nicht noch jemanden für die Abgeordnetenhausliste. Immer wieder wird gefragt: "Wann macht Ihr Ernst mit eurem Versprechen, den § 146 GG zu verwirklichen?" Viele Menschen bieten den Piraten ihre (entgeltlichen) Dienste an und zwar bei Dingen, die wir schon selbst sehr lange machen. Als letzte Kategorie der Nachrichten, die die Piratenpartei erhält, seien jene genannt, die ein "normales" Problem haben. Da wird gefragt, ob man sich mit Abmahnungen auskenne, Verbraucherschutz und ähnlichem. Diesen Menschen können wir im Regelfall erklären, dass sie sich bitte an einen Anwalt wenden mögen, an einen Betroffenenverband oder die Verbraucherzentralen. Am Telefon ist das oft einfacher, als per Email. Am Telefon könne die Menschen direkt Nachfragen stellen. Und uns beschimpfen, was für ein Sauhaufen wir sind, dass man ein Arschloch sei ("Bitte sehr!") und überhaupt die Partei doch nicht besser als die anderen ist. 

Das Konzept politische Partei ist den Leuten nicht klar - zu lange haben die seit Jahren regierenden Parteien den Leuten nicht klar gemacht, was ihre eigentliche Aufgabe ist. Durch Allmachtsphantasien der Politikerkaste wurde das einst gesunde Verhältnis von Politikern zu Bürgern gestört - ja, Frau Merkel kann mein Problem lösen, Herr Schäuble auch oder halt der Vizekanzler. Oder aber bestimmt die Parteiführung von der SPD. Oder eben die der Piratenpartei. 

Eigentlich ist es nur noch der Zynismus, der mich lachen lässt ob all der Geschichten, die man in dieser Arbeit erfährt, so ist es auch kein Wunder, dass die Besatzung der Budnesgeschäftstelle nach außen hin arrogant und überheblich erscheint. Viele Schicksale schlagen auf, Probleme, die man so nicht kennt, die aber Existenzen zu bedrohen scheinen. Ich werde ihnen nicht helfen können, genausowenig, wie die Partei helfen kann, denn es ist nicht ihre Aufgabe.

Ich kann mich jetzt zurücklehnen und Lächeln, denn ich weiß, dass ich diese Faxe und Emails bald nicht mehr lesen werde müssen, dass ich es los bin, das Wissen ob der Schicksale. Ich verlasse die Bundesgeschäftstelle bald, um mich einer neuen Herausforderung zu stellen (und ein wenig Geld zu verdienen) und ich freue mich sehr darauf, wenn ich nicht wüsste, dass es da auch Post, Emails und Faxe gibt…

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6 Kommentare zu "Unser täglich Wahnsinn gib uns heute"

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  1. Kyra
    10/11/2011 um 12:14 Permalink
    Hallo Stephan,

    zuerst möchte ich mich für die Zeit und die Energie die du in die p9 gesteckt hast bedanken. Als normaler Basispirat bekommt man nur einen Bruchteil der Dinge mit, die Du schilderst. Aber mir ist auch schon aufgefallen, dass wir viele Neupiraten haben, die sich durch die Piratenpartei die Lösung ihrer persönlicher Probleme erhoffen. Das kann eine politische Partei nicht leisten. Ich finde es schön, dass Die in dieser Zeit kein dickes Fell gewachsen ist, denn dann wärst Du nicht mehr der Mensch den ich (und und viele andere) so sehr schätzen. Für die Piraten wünsche ich mir einen würdigen Nachfolger für Deinen Job, vielleicht sollte diese Arbeit auch entlohnt werden, denn so ist es einfach Selbstausbeutung die man keinem Menschen zumuten sollte. In Deinem neuen Job wünsche ich Dir etwas mehr Ruhe. Hoffentlich sehen wir uns in Offenbach.

    Ich habe wirklich großen Respekt vor Deiner Arbeit.

    Liebe Grüße

    Kyra

    Antwort

  2. hase
    10/11/2011 um 15:03 Permalink
    Tomate -

    sei gedrückt.

    Melde Dich mal, welche Art von Erwerbsarbeit Dich weglockt von der wundervollen Allmacht des Postens in der Bundesgeschäftsstelle -- der ja wie jeder gute Verschwörungstheoriepirat genauestens weiss die alles kontrollierende und fernsteuernde graue Eminenz der Piraten ist.

    Der Wahnwitz ist es, aber doch immer wieder berührend; bei den Neupiraten-Bootcamps und den Kinski-Treffen bekomme ich ja uach mein Scherflein an solchen Leuten ab.
    Und wieder und wieder dauert es mich, sehe ich die Schicksale, die oft dahinter stehen, und ich beginne zu begreifen, warum die alteingesessene Politik ("Profi-Politiker") sich in ihre Traumwelt verabschieden: die Realität ist manchmal einfach zu bizarr, hässlich und schmutzig.

    Wenn Du eine Idee entwickelt haben wirst, wie man als Pirat an der Realität hängen, den Wahnwitz aber in erträglichen Dosen inhalieren kann, sag Bescheid.
    Können wir alle brauchen.

    Bis die Tage im Kinski!

    hase

    Antwort

  3. Infoliner
    10/11/2011 um 19:34 Permalink
    Na der Blogname sagt es doch: Gelassenheit durch Kompetenz wirken lassen. Das wäre jedenfalls genau andersherum als sonst in der Politik üblich ;)

    Ich möchte nicht die Eingänge in einem Parteibüro handhaben, denn es muß ja am Gewissen nagen, nicht auf irgendwelche Hilferufe eingehen zu können, denn selbst wenn eine Partei anderes als Aufgabe definiert, lesen tut die Nachrichten doch ein Mensch und der bekommt das leichtfertig verbreitete Leid dann ab.
    Es sollten sich die Hilfesuchenden und Patentrezepthaber und so weiter - mal Eure Motivation abgucken: Selber das Richtige tun. Anders geht es nicht.

    Antwort

  4. Ein Pirat
    11/11/2011 um 00:33 Permalink
    Einer, der sich totlacht über die Sorgen von verzweifelten Menschen, den können wir in der BGS bestimmt nicht brauchen. Good riddance!

    Antwort

  5. Stephan Urbach
    13/11/2011 um 07:36 Permalink
    Doch, konnten die Piraten ziemlich lange.

    Antwort

  6. Joseph Meyer
    14/11/2011 um 11:17 Permalink
    Hallo Herr Urbach,
    Ich verstehe Ihre Überlegungen in Ihrem Gastbeitrag, weil auch ich 5 Jahre als Mitglied eines Parlamentes "gedient" habe. Irgendwann droht einem das Ganze zu viel zu werden, und nur wenn man sich auf sein "Kolibri-Dasein" besinnt, überlebt man unbeschadet diese Empfindungen: "Ich tue das was ich tuen kann!"

    Alles Gute für Sie in Ihrer neuen Tätigkeit!
    Mit freundlichen Grüssen,
    Joseph Meyer

    Antwort

1 Trackback zu "Unser täglich Wahnsinn gib uns heute"

  1. yorvik.de 09/11/2011 um 16:27

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