Liebe kritik-kritische Bigotteria
Am Wochenende haben die Piraten einen neuen Führer gewählt und wenig überraschend ist das Echo geteilt. Doch dazu später. Nachdem Sebastian Nerz in seinen ersten größeren Interviews gleich mal zentrale Beschlüsse der Partei (namentlich LiquidFeedback und ReSET) deutlich relativierte und seine eigene Meinung und Interpretation zur Parteimeinung ausrief, hagelte es erste Kritik, nicht immer auf die feine englische Art. Eine der Reaktionen aus der "Basis" bzw. von manchem Speichellecker (ich mein, welcher normale Mensch unterschreibt eine Mail mit "i.A." wenn er fix auf ner ML was ausrichtet?) waren allerdings bemerkenswert. Es hieß, verkürzt, "Wenns Euch nicht passt, dann verpisst Euch doch". Und das ist genauso interessant, wie es nicht überraschend kommt.
Liebe Piraten, die ihr ruft "Wer demokratische Entscheidungen nicht akzeptieren kann, hat bei Piraten nix verloren": Wo wart ihr, als Bodo Thiesen die demokratische Entscheidung zur Einführung von LiquidFeedback torpedierte und zur Sabotage aufrief? Wo wart ihr, als Jens Seipenbusch ReSET als Beschluß explizit gegen ein BGE umdeklarierte? Wo war Eure Stimme als die "Crew Bali" die Entscheidung zur Unterstützung einer Demo mit einem Aufruf zur Unterstützung eines Nazimarschs zu karikieren versuchte? Wo wart ihr da? Ich sag Euch wo ihr wart: Ihr wart auf der Seite derer, die LiquidFeedback torpedierten, ihr wart dort wo man verzweifelt versuchte buchstabenenverdrehend den Teufel BGE wegzuinterpretieren, ihr wart dabei und fandet es lustig und humorvoll, das eine Handvoll Piraten inkl. Landtagskandidaten den Vorstand mit "Dann müssen wir auch Nazidemos unterstützen" fast gesprengt hätten.
Liebe Piraten, die ihr nicht müde geworden seid LiquidFeedback mit Formalia und vermeintlichen Datenschutzproblemen zu bombardieren, die dafür sorgten, das Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärung von Anwälten geschrieben werden mussten, wo war Euer Aufschrei als mit dem Liquidizer ein Tool aufpoppte, was diese Maßstäbe in Ansätzen nicht erfüllen konnte? Warum gab es nur Schulterzucken als sich rausstellte, das dieses Tool nahezu trivial manipuliert werden konnte? Warum hackt ihr auf denen ein, die diese Lücke aufdeckten, warum heißt es "Aber warum hat man das erst am BPT und nicht eher veröffentlicht", aber wo blieb die Kritik, als Jan Schejbal die Schwächen der Zensus-Webseite aufdeckte, ohne das vorher per full-disclosure den Betreiber informiert wurde?
Liebe Piraten, die ihr ruft "Er wird uns einen": Wo war Eure Gegenrede als es wieder und wieder hieß "Themen statt Köpfe", wenn man auch nur versuchte ein Thema an einem Kopf festzumachen? Liebe Piraten, die ihr nach Basisdemokratie ruft: Wo blieb Euer Protest, als der neue Vorstand auf klassisch etablierte Weise, als "Führungsteam" der Piraten vorgestellt wurde, so als sei Top-Down-Politik jetzt plötzlich state-of-the-party? Warum bejubelt ihr einen Vorstand fast als "Heilsbringer", wo ihr doch unpolitische Verwaltungsvorstände wollt? Warum braucht die ach so basisdemokratische Partei plötzlich ein "Führungsteam"? Warum feiert man den "Aufstieg" eines Piraten in einer Partei, die ohne Hierarchien auskomen will? Wo sind wir hier? In einem DAX-Unternehmen oder bei der CDU, die mit "Parteiführung" ja nun wirklich kein Problem haben? Was geht bei Euch eigentlich grad ab?
Wo wart ihr als Christopher Lauer falsch zitiert wurde und Medien ihm (auch nach ReSET) ein "Piraten sind für ein BGE" in den Mund legten? Da wart ihr laut, da habt ihr protestiert, da entsprach es nicht "geltender Beschlußlage", da wurde dem Mann sogar Gewalt angedroht, obwohl ein BGE selbstverständlich von dem ReSET-Programmpunkt gedeckt ist. Aber nicht die Medien waren schuld, nein, der blöde Lauer lenkt das Schiff ohne die Ruderer zu fragen. Natürlich ist es dann was völlig anderes, wenn Nerz als "gegen Datenschutz" zitiert wird, da sind sofort die Medien schuld. Fragt Euch doch mal, was gewesen wäre, wenn Lauer als frischgebackener Vorsitzender in der ZEIT gesagt hätte, das Piraten jetzt weiter an LiquidFeedback und BGE-Konzepten arbeiten? Hättet ihr da gesagt "Pro-Tipp: Was Lauer sagt, entspricht aktueller Beschlußlage"? Hättet ihr? Ich glaube nicht, Tim.
Wie soll man Euch Eure Empörung abnehmen, wenn sie "tagesformabhängig" verteilt wird und vermeintlich schlimme Nicht-Akzeptanz demokratischer Entscheidungen doch nur dann kritisiert wird, wenn es die eigenen Entscheidungen sind, die es erwischt, nicht aber wenn der innerparteiliche "Gegner" attackiert wird, ja schlimmer, ihr Euch dann in die Reihen der dumpfen Basher und Scheißewerfe doch auch bloß einreiht, lediglich die Wurfrichtung der Exkremente ist eine andere.
Ihr seid keine "Piraten", ihr seid Vereinsmeier mit Parteibuch.
Ihr tut mir leid.

16/05/2011 um 08:50 Permalink
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16/05/2011 um 09:23 Permalink
Nun ich sage nicht, dass das gut ist, im Gegenteil... Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei den Piraten eben sehr weit auseinander. (Was nicht heißt, dass sie nicht wählbar wren, von allen Parteien sind die Piraten mir noch die liebsten ;)
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16/05/2011 um 10:44 Permalink
Bei Seipenbuschs BGE-Dingens: Hmm, muss ich wohl verpasst haben.
Einführung von Liquidizer: Keine Lust auf Tool-Diskussion. Noch nie. Deshalb auch in Bingen für LQFB gestimmt. Als Experiment. Eines, was sich bisher nicht so entwickelt hat, wie ich es mir gewünscht hätte. Das wichtige daran (und auch am Liquidzier) war: Ausprobieren. Schauen, wo die Stärken und Schwächen sind, ob es sich bewährt. Das wäre übrigens auch eine prinzipielle Vorgehensweise, die ich mir bei beispielsweise einem neuen Bundesvorstand wünschen würde, aber mit Schaum vor dem Mund ne Tastatur zu bearbeiten macht sicherlich auch Spaß...
Themen statt Köpfe: Hatte ernsthaft jemand was dagegen, dass Stephan Urbach parteiintern das "Gesicht gegen Acta" wurde? Dass sich Christian Hufgard besonders auf dem Gebiet der Musik engangiert? Es ist halt immer auch die Frage, ob dem Kopf eine steife Brise Profilierungssucht anhaftet (*hustlauerhust*), oder ob man das Gefühl hat, dass die Person hauptsächlich für die Gute Sache[tm](c) kämpft und selbst hauptsächlich koordinierend und mit dem großen Ziel vor Augen tätig ist - denn auch das ist mit dem pösen Wort Führung (*gasp*) gemeint!
Im übrigen sind "beide Seiten" nicht gerade durch objektives Betrachten der Gegenseite aufgefallen. Klar schaut man bei jemandem, den man (politisch, menschlich, whatever) nicht leiden kann, genauer auf die Finger, als bei Piraten, die (subjektiv) auf der Guten Seite sind. So what? Absolute Objektivität gibts nunmal nicht und es ist wirklich langsam überfällig, dass sich dieses Bewusstsein auch bei Piraten durchsetzt und das Geschwafel von der "besten Lösung" auch mal ein wenig Substanz bekommt...
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16/05/2011 um 12:30 Permalink
"Wie soll man Euch Eure Empörung abnehmen, wenn sie "tagesformabhängig" verteilt wird und vermeintlich schlimme Nicht-Akzeptanz demokratischer Entscheidungen doch nur dann kritisiert wird, wenn es die eigenen Entscheidungen sind, die es erwischt"
nimmt mir das ab. Du kritisierst hier schliesslich auch nur, dass die Leute nicht "deinen Kandidaten" gewählt haben.
Und was das torpedieren von LQFB angeht:
das machen die Befürworter leider immer noch selber am meisten.
Schade, denn ich halte es eigentlich für eine gute Idee.
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16/05/2011 um 12:58 Permalink
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16/05/2011 um 13:16 Permalink
kannst nur auf twitter und im blog rumjammern und gröhlen wie ein großer
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17/05/2011 um 06:39 Permalink
So viele inhaltliche Fehler, wie da drin sind, das ist schon beachtlich...
> Liebe Piraten, die ihr ruft "Er wird uns einen": Wo war Eure Gegenrede als es wieder und wieder hieß "Themen statt Köpfe", wenn man auch nur versuchte ein Thema an einem Kopf festzumachen?
Wie oben schon steht, es gibt einige Themen,die an Köpfen festgemacht wurden, und das Ergebnis ist in diesen Fällen positiv. Es gibt jedoch kein Thema, das am Kopf eines Sebastian Nerz festgemacht ist. Warum? Einfach: Er ist jemand, der die Leute dabei unterstützt, ihre eigenen Themen vorwärts zu bringen.
> Liebe Piraten, die ihr nach Basisdemokratie ruft: Wo blieb Euer Protest, als der neue Vorstand auf klassisch etablierte Weise, als "Führungsteam" der Piraten vorgestellt wurde, so als sei Top-Down-Politik jetzt plötzlich state-of-the-party?
Dort. http://vorstand.piratenpartei.de/2011/05/15/das-neue-vorstandsteam-der-piratenpartei/comment-page-1/#comment-1431
> Warum bejubelt ihr einen Vorstand fast als "Heilsbringer", wo ihr doch unpolitische Verwaltungsvorstände wollt?
Die Polemik bzgl Heilsbringer ignorierend: Weil ich weiß, daß Nerz jemand ist, der seine Meinung hat, aber dennoch mir hilft, meine Meinung auszuarbeiten und den anderen vorzustellen, der mir eine Plattform bietet, auf der ich meine politische Arbeit stellen kann, den ich jederzeit um Hilfe bitten kann und er diese Hilfe dann koordiniert und mich mit den richtigen Leuten zusammenbringt.
> Warum braucht die ach so basisdemokratische Partei plötzlich ein "Führungsteam"?
Weil, wie derjenige, der das Wort in der Meldung benutzt hat, schon geschrieben hat, hier die organisatorische Führung gemeint ist, nicht die thematische. Und Organisation auf die Beine zu stellen genau das ist, was der bisherige BuVo eben nicht gemacht hat. Ich habe bisher viel machen können aufgrund guter Organisation. Allerdings nur auf Landesebene, wo ich mit Sebastian zusammenarbeiten konnte.
> Warum feiert man den "Aufstieg" eines Piraten in einer Partei, die ohne Hierarchien auskomen will?
Aus o.g. Grund: Weil diejenigen, die Sebastian kennen, wissen, daß jetzt jemand organisieren will, der organisieren kann. Und auf Basis dieser Organisation wird jeder Pirat in jeder Position ohen Hierarchie in der Lage sein, programmatisch zu arbeiten.
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17/05/2011 um 22:29 Permalink
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18/05/2011 um 12:42 Permalink
lol granted. Das Problem bei Polemik ist halt, daß Leute, die der Meinung sind, daß das auf sie nicht zutrifft, oft der Meinung sind, Du meinst sie dennoch aber willst sie damit nur diffamieren und provozieren.
Gegenprobe: Diejenigen, auf die Deine Beschreibung tatsächlich voll zutreffen sollte, das sind genau die, die sich ganz sicher nicht davon angesprochen fühlen. Das nur so mal bezüglich unserem alten Thema "Mittel vs. Zielerreichung".
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18/05/2011 um 13:18 Permalink
Das ist ja das Problem dieser "Zielgruppe", das viele davon die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben meinen. Die Piraten-Rants hier im Blog sind daher zu einem großen Teil persönliches Ventil und zu einem kleineren Teil Versuch von Überzeugungsarbeit um wenigstens Dritten klar und deutlich aufzuzeigen, wo die Probleme bei einigen Piraten liegen und wo auch die Partei Probleme hat.
Und wenn nur einigen wenigen klar wird, wie bigott manche Parteimitglieder und vermeintliche Piraten agieren und das vielleicht bei zukünftigen Entscheidungen berücksichtigen um solche Vereinsmeier eben nicht noch zu vermeintlichen Erfolgen zu verhelfen, dann hat sich mein Geweine ja gelohnt. Auf der anderen Seite haben viele Leser diese Bigotterie eh schon selber erkannt, dann bleibt für das hier eben nur noch die fir Ventilfunktion. Da ich aber mittlerweile keinen Mitgliedsausweis mehr in der Geldbörse mitschleppe, wird sich das zu Gunsten parteiunabhängigerer Beiträge vielleicht verschieben. Mal sehen.
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