Sammelanträge, als ob Fussball-WM wäre - Keine demokratische Glanzleistung

Klaus Peukert » 14 Mai 2013 » in Piraten » 3 Kommentare

Ein Gastbeitrag von @RiloKiley1:

tldr; Sammelanträge arbeiten viele Anträge ohne Debatte schnell ab, müssen aber von der neutralen Antragskommission auf einer größeren Basis zusammengesetzt und nicht von einzelnen Antragsstellern eingereicht werden.

Auf dem #BPT131 in Neumarkt hatten wir es zum ersten Mal mit Sammelanträgen zu tun. Von denen gleich eine handvoll. Viel Licht und Schatten gab es bei der Bewertung und Nachbetrachtung dieser Anträge.

Das Misstrauen gegenüber der Antragskommission ist groß. Wir haben über 1h über die Tagesordnung in Neumarkt debattiert, welche Anträge wir um welche Uhrzeit und in welcher Reihenfolge behandeln, um dann in kürzester Zeit wie im Deutschen Bundestag zu einer Fussball-WM die einzelnen Module durchzuwinken. Man kann es jetzt als schnell, effizient oder als naiv, unkritisch betrachten, was da vor sich ging.

Angefangen hat die Geschichte mit einem Schulterschluss-Antrag in Bochum. Die Versammlung der PolGF aller Länder hat damals beschlossen den Schulterschluß-Antrag zu unterstützen und damit einen großen Hack auf die Tagesordnung durchzuführen. Die Befürworter sagen, dass durch die Änderung der TO der Antrag X in unser Wahlprogramm und das somit positiv für uns ist, erwähnen aber nicht dass durch den Hack Antrag Y aus dem Wahlprogramm gefallen ist, weil dieser nicht mehr behandelt werden konnte.

Eine Änderung der TO ist also immer ein fieser Hack gegen die TO und damit auch gegen all die Leute, die versucht haben ihre Anträge auf dem üblichen Weg auf die TO zu bringen. Wenn also mehr Piraten nur Eigeninteressen verfolgen und ihre Anträge durch eine Änderung der TO nach vorne zu hieven, dann darf man so etwas nicht gut heissen, so meine Meinung.

Lehre aus dem Schulturschluss-Antrag ist, dass man im Vorfeld ein komplettes Programm auf die Beine stellt und dieses der Versammlung zur Abstimmung gibt. Dazu wurde eine Umfrage über LimeSurvey erstellt, der nur an die Leute rumging, die an Umfragen beteiligt sind. Dieses ist okay so, weil nur die wichtigsten Mails an alle gehen sollte. Es haben bei der zweistufigen Umfrage bei der Bewertung der Anträge dann ca.500 Teilnehmer mitgemacht. Bis dahin hört sich alles gut an, aber von dort an, lief meiner Meinung nach einiges falsch.

Viele waren mit dem Ergebnis der Umfragen unzufrieden, weil konkurrierende Anträge drin waren, wiederum gab es hier und da Lücken, zudem fehltem einigen wiederum paar Anträge, die es nicht rechtzeitig geschafft haben an der Umfrage teilzunehmen. Nun wurden verschiede Sammelanträge gebastelt, wo mal hier der Antrag von Spitzenkandidaten, mal hier ein Antrag der im Liquid war, etc. hinzugefügt wurde.

Allein die Tatsache, dass basierend auf der LimeSurvey Umfrage einige Anträge es nicht in die Sammelanträge geschafft haben, dafür auf dem Bundesparteitag mit großer Mehrheit angenommen wurde, sowie in der Vergangenheit schon öfters bewiesen wurde, dass Anträge, die im Liquid mit über 90% angenommen wurde, aber auf dem BPT abgelehnt wurden, so muss man auch die Stabilität der kleinen LimeSurvey von 500 Teilnehmern in Frage stellen.

Warum gibt es nun verschiedene Einzelanträge? Wer die AGs kennt, weiss dass aus diesen selbstgegründeten AGs mit teilweise selbsternannten Koordinatoren vorsichtig gesagt einige auch sehr eigensinnig handeln. Diese tuen alles um ihren eigenen Antrag voranzubringen und berücksichtigen dabei nicht die anderen AGs. So gibt es immer wieder Änderung der TO wie in Neumarkt die AG Aussenpolitik.

Mit einem weiteren GO-Hack hieven sie einen Antrag aus dem Tiefen der LimeSurvey Umfrage des Bundes, der sie niemals auf die TO gebracht hätte, auf die TO, indem sie ihren Antrag konkurrierend zu einem anderen Antrag gebracht haben der auf der TO liegt. Es gibt kaum ein eigensinnigeres Handeln als dieses, weil man nicht akzeptieren will, dass sein eigener Antrag nicht auf die TO geschafft hat. Dass dadurch ein anderer Antrag der AG Entwicklungspolitik nicht mehr behandelt wurde, der sich auf normalen Wege qualifziert hat, interessiert diese ja nicht.

Bei der Zusammenstellung der Sammelanträge gibt es also Anträge, die bestimmte Quoren überschritten haben und zudem etwas Pfeffer+Chili und vlt. noch ein Überraschungsei inne haben. Nun wieviel Vertrauen habe ich da wohl, dass die Antragssteller ein neutrales Paket zusammengeschnürt haben und wieso gibt es soviele konkurrierende Sammelanträge? Richtig, weil jeder Lieblingsanträge hat und jeder Antragssteller wiederum ungeliebte Anträge in seiner Sammlung nicht sehen will.

Vor/Nachteile einer Debatte auf dem BPT? Vorteil: Erst in einer Debatte bekommt man die wichtigsten Pro/Contra Argumente zur Meinungsbildung. Nicht jedem fallen alle Argumente beim eigenständigen Studieren ein und nicht jeder hat vor dem BPT die Zeit mit allen Anträgen in Diskurs zu gehen. Nachteil: Es kostet Zeit.

Wie nun in Zukunft verfahren?

Der Prozess muss also in neutrale Hände gelegt werden, denn ich habe deutlich mehr Vertrauen in die Antragskommission als in die einzelnen Antragssteller, die ihre Pakete u.a. mit Eigeninteressen schnüren. Die Basis der LimeSurvey Umfrage sollte diesmal auf der LimeSurvey Umfrage des Bundes basieren. Natürlich musste man vorher die Anträge auch konkurrierende so zur Umfrage stellen, dass man hinterher sagen kann, wir tuen alle Anträge über 80% zum Beispiel in ein Paket und geben diese ohne Debatte der Versammlung einzeln zur Abstimmung.

Werden sie abgelehnt, kommen sie in die normale TO zur Debatte. So kann jeder vorher darauf vorbereiten, dass es möglicherweise keine Debatte zu dem Antrag gibt. Wenn man Gegenargumente trotzdem findet, kann man vorher noch dafür werben diesen Antrag abzulehnen, so dass er noch in eine Debatte kommt. Hört auf Eigeninteressen zu verfolgen und durch Änderung der TO eure eigenen Anträge auf die TO bringen.

Das ist höchstgradig unfair und darf keine Schule machen, ansonsten droht der absolute TO-Änderungs-Chaos wenn alle so eigensinnig handeln. Und die Versammlung darf solche GO-Änderungen nicht honorieren. Ihr stellt die Neutralität der Antragskommission bei der Zusammenstellung der TO in Frage, aber winkt dann ganze Sammelantragspakete von einzelnen Antragsstellern unkritisch durch. Ihr solltet überprüfen was ihr wirklich kritisch beäuigen müsstet und wem ihr mehr Vertrauen schenken solltet.

Funfact: Zwar wurde der Europa-Six-Pack als Modul beim Sammelantrag abgelehnt, wurde hinterher in der Debatte aber angenommen und hat damit eine größere demokratische Legitimation.

Ergänzung von tarzun: Im angenommenen Sammelantrag sind sogar Einzelanträge aufgenommen, deren Antragsteller davon erst nachm BPT erfahren und vorher weder gefragt noch informiert worden. Ostereier mal ander5.

SMV - Das Beste aus beiden Welten

Klaus Peukert » 07 Mai 2013 » in Piraten »

Am Freitag gehts los. Bundesparteitag. Endlich wieder die ganzen lieben Menschen wieder sehen, knuddeln und mit ihnen Politik machen. Neben der wichtigen Aufgabe des Wahlprogramms und der Vervollständigung des Vorstands steht auch die sogenannte "SMV" auf dem Programm. Unter dem Label "Ständige Mitgliederversammlung" debattieren wir über Möglichkeiten zur verbindlichen Willensbildung neben dem Vorstand und außerhalb von Parteitagen.

Die Anträge zur SMV sind in fünf Gruppen eingeteilt

  1. die Sonstigen Anträge zu "Alles vertagen/nichts beschließen" und der "Ablehnung der SMV in die Satzung schreiben"-Antrag
  2. ein Antrag für einen "Basisentscheid" (führt einen komplett neuen § in die Satzung ein)
  3. die  "Hardcore"-Anträge (erweitern §9b um die Möglichkeit der Onlinetagung des BPT und führen die Details in §9c ein)
  4. die "SMVCon"-Anträge (erweitern §9b um drei Absätze für die Möglichkeit der Onlinetagung) plus ein Antrag mit "Online debattieren, offline beschließen" (erweitert ebenfalls §9b, aber nur um einen Absatz)
  5. die "Offline"-Anträge mit der SDMV als RLP und dem Urnenwahl-Modell von Michael Ebner (führen jeweils einen §9c ein, bei der SDMV in einem weiteren, sonstigem, Antrag noch die ganzen Details)

Wie gehe ich jetzt persönlich damit um? Also grundsätzlich würde ich ja persönlich die "Hardcore"-Anträge mit Handkuss nehmen. Da ist alles dabei, "alle Soßen und Extra-Käse" sozusagen. Aber ich halte die politisch nicht für mehrheitsfähig. Das hat verschiedene Gründe, der wichtigste ist, dass sie das "Wie" sehr detailliert festlegen, während wir als Partei uns noch nicht auf das "Ob" geeinigt haben.

Diese Trennung von "Ob" und "Wie" ist aber eine der Kernerkenntnisse aus den letzten Monaten. Statt die trennenden Unterschiede in Details über Betrieb und Konfiguration eines Tools zu zementieren sollten wir das gemeinsame betonen. Und, man mag es kaum glauben, aber die Piratenpartei will das mit dem Internet und dem Online und den Werkzeugen des 21. Jahrhunderts machen.

So, und wie stimm ich denn nun ab? Die "Vertagen"- und "Ablehnung in die Satzung"-Anträge werde ich, Überraschung!, ablehnen, ebenso wie den nicht durchdachten und überkomplexen Basisentscheid SÄA003. SÄA009 und SÄA010 stimme ich zu, rechne aber nicht mit einer 2/3-Mehrheit für sie. Im "SMVCon"-Block lehne ich SÄA029 und SÄA041 ab und stimme den anderen Anträgen zu.

Dabei ist meine Präferenz SÄA027 > SÄA012 > SÄA021. SÄA040 und SÄA035 stimme ich nur zu, wenn wir ansonsten gar kein "Ob" beschließen. Am liebsten wäre mir also die SMVCon-SMV mit Programm, dann die ohne Programm, zur Not die ohne Festlegung auf Liquid Democracy und wenns gar nicht anders geht, halt einen der anderen beiden Anträge. Danach haben wir hoffentlich ein Onlineinstrument zur innerparteilichen Beschlußfindung.

Da die "SMVCon"-Anträge und die "Offline"-Anträge, in der Tagesordnung als Blöcke 3a und 3b bezeichnet, nicht konkurrieren (da sie jeweils unterschiedliche Teile der Satzung ändern) bekommen wir noch eine sehr charmante Möglichkeit:

Wir machen einfach Beides!

Online- und Offline! Online für Inhalte, für Positionen, für schnelle und verbindliche Entscheidungen. Offline für die fetten Dinge. Kanzlerkandidatur, Koalitionsvertrag, Grundsatzentscheidungen. Das ganz große Rad eben, was den Aufwand auch wirklich wert ist. Ich werde daher auch noch dem SÄA039 zustimmen, aber nur, wenn wir gleichzeitig auch ein Online-Instrument beschlossen haben.

Mein persönlicher Appell ist, dass die Piratenpartei sich ernsthaft und verbindlich dazu bekennt, Demokratie mit den Werkzeugen des 21. Jahrhunderts zu machen. Das wir online verbindlich politische Inhalte beschließen und nicht nur an einem Wochenende im Jahr. Das wir uns den Arbeitsauftrag erteilen, das mit der Stärkung der direkten und indirekten Beteiligungsmöglichkeiten ernst zu nehmen, selbst umzusetzen und vorzuleben.

Daher bitte ich Euch, stimmt einem der Anträge 027, 012, 021 oder meinetwegen auch 035/040 zu. Für das "beste aus beiden Welten" dann noch dem 039 und wir haben wirklich fast jeden glücklich gemacht.

PirateFeedback statt LiquidFeedback im Bund?

Klaus Peukert » 30 April 2013 » in Piraten » 6 Kommentare

Da will ein besonders cleveres Kerlchen unter dem Radar des BPT-Vorbereitungstrubels mal eben die LQFB-Nutzer abstimmen lassen, doch das LQFB durch "PirateFeedback zu ersetzen. und weil über zwei Delegationshops meine "Macht" im LQFB-Systembetrieb bei ihm landet, hatte die Idee sogar nen fetten grünen Balken und sah voll beliebt aus.

Inzwischen habe ich zahlreiche meiner Delegationen in der Initiative veloren und der Initiator ein deutlich geringeres Stimmgewicht. Dazu reichten schonmal eben drei Tweets. Soviel zur "Macht" der bösen Superdelegierten. Welche Macht ist es, die mit drei Tweets zerstöret werden kann?

Warum ich der Initiative nicht zustimmen werde

  1. Schnellverfahren ist nicht für "Damit vorm BPT ein Ergebnis da ist", sondern für dringende Sachen, wo man (unter der Inkaufnahme einer geringeren Beteiligung) einen schnellen Gradmesser braucht. Das ist hier nicht der Fall.
  2. Der Initiator behauptet, die Entwickler von LiquidFeedback würden ihr Produkt nachlässig pflegen. Das ist mit "rotzfrech gelogen" wohl noch diplomatisch beschrieben. Die angesprochene Distanzierung bezieht sich auf den Betriebsmodus innerhab der Piratenpartei, die im Grunde auf Grund fehlender Nachvolziehbarkeit einen Wahlcomputer nutzen.
  3. Der Initiator hat nicht einen einzigen Satz mit mir als für LQFB zuständigem Vorstandsmitglied besprochen. Es gab nicht ein Hilfsangebot, nicht eine Information über ein bereitstehendes Team oder ähnliches, dass nach einer eventuellen Umstellung PirateFeedback im Alltagsbetrieb pflegen würde.

Warum ich PirateFeedback nicht für die Lösung halte

Die Probleme der innerparteilichen Onlinebeteiligung liegen nicht am Tool. LQFB hat Verbesserungspotential und in PirateFeedback wurden auch einige Dinge eingebaut, die tatsächlich sinnvoll sind (genauere Mailbenachrichtigungen, Intergration von Wikiarguments z.B.) Der Preis dafür ist allerdings der Verzicht auf Liquid Democracy. Ein zu hoher Preis. Davon abgesehen liegt das größte Potential nicht in kleinen Änderungen an der Software, sondern an Betrieb und Verbindlichkeit.

Blöderweise kann man diese sinnvollen Patches nicht ins Bundesliquid übernehmen, weil der Entwickler von PirateFeedback es unter der restriktiveren GPL lizensiert hat, während LQFB unter einer BSD-artigen Lizenz steht. Die GPL-Patches dürfen nun nicht in die BSD-Software eingebaut werden. Schade, denn so sind sinnvolle Verbesserung nicht einfach übertragbar. Aber sharing is halt nicht mehr caring, wenn man den bösen LQFB-Entwickler eine mitgeben kann, nech?

Die "parteiinterne Entwicklerbasis" ist auf den ersten Blick ein Vorteil (LQFB wird von einem parteiunabhängigem Verein, PirateFeedback von ein oder zwei Parteimitgliedern gebaut). Weiß man allerdings, dass einer der Entwickler schonmal ein Parteiamt hingeworfen hat, weil ihm ein Beschluß der Partei nicht in den kram passte, dann verlasse ich mich lieber auf den langsameren und unabhängigeren Verein mit einer breiteren Kundenbasis, der nicht mal eben in den Sack hauen kann.

Das eigentlich Problem an LQFB im Moment sind nicht "Superdelegierte" (s.o.), Designdinge oder ähnliches, sondern die geringe Beteiligung, die mangelnde Verbindlichkeit, der Betrieb im "Wahlcomputermodus" und ähnliches. Alles Dinge die letztlich toolunabhängig sind und die auch PirateFeedback hat. Denn auch im 6.500 Piraten starken LV Bayern stimmen idR weniger als 100 Leute im PirateFeedback ab...

Warum das im Moment alles völlig uninteressant ist

Unser Problem ist nicht das Tool. Unser Problem ist, dass wir über Details an Tools reden und dabei das große Ganze vergessen. Ich bin sicher, dass die ganze Partei sich im Grundsatz für verbindliche Online-Partizipation, für ein Mehr an innerparteilicher Demokratie, für ein Mehr an Macht und Verantwortung für die Parteibasis ausspricht.

Dabei ist es weder hilfreich noch relevant, sich jetzt Gedanken darüber zu machen, ob der Loginbutton nun orange oder lila ist, ob man BPTArguments integriert odr parallel extern hat, wer alles nen Account bekommt, welche Regelwerke und Fristen es gibt, ob man ständig oder regelmäßig abstimmt.

Das ist elles egal, solange wir uns nicht klar machen, dass wir alle dasselbe Ziel haben: Mehr Demokratgie wagen. Die direkten und indirekten Beteiligungsmöglichkeiten erhöhen. Und das natürlich auch parteiintern. Solange wir uns nicht erstmal auf das "Ob" einigen, werden wir nie ein "Wie" finden.

Deswegen solten wir uns in Neumarkt für das grundsätzliche "Ob" entscheiden, uns in die Satzung schreiben, dass wir innerparteich mehr Online-Demokratie wagen wollen und dann ein "Wie" finden, um diesen Arbeitsauftrag umzusetzen.

Das Internet lügt. Immer.

Klaus Peukert » 24 April 2013 » in Rants » 4 Kommentare

Nochmal. Telekom. Drossel. Ihr wißt Bescheid. Seit ner Weile geht folgendes rum


Telekom-Drossel mit 384 kbit/s from yetzt on Vimeo.

101 Sekunden. Reichliche anderthalb Minuten. Schaun wir mal. Laut derselben Quelle haben wir gedrosselt ne Bandbreite von 364 kBit/s. Wenn wir jetzt 101 Sekunden laden, dann sind das also insgesamt 36764 kBit sind 4596 kByte sind ~4,49 MB. Die Telekom-Startseite ist also laut diesem Beispiel knapp 4,5 MB groß. Gut da geht noch bisserl Latenz und lokale Renderingzeiut ab, aber das wird ja wohl keine ganze Minute dauern. Oder?

Yetzt gibts dasselbe Video nochmal auf Youtube:


Da dauert das plötzlich "nur" noch 51 Sekunden. Sind also 18564 kByte sind 2321 kByte sind ~2,27 MB. Hä? Ein und dieselbe Seite einmal 4,5MB und einmal 2,3 MB? Schauen wir nach: Opera, Chrome und Firefox sagen, dass man mit dem Aufruf der Telekomstartseite roundabout 1,5MB runtergeladen hat. Das wären rückwärts gerechnet runde 30 Sekunden, also ne lässige Minute schneller als das dramatische Beispiel von oben (die Aussage mit dem Meldegesetz stimmt aber trotzdem noch, wenn auch nur knapp).

Wir haben also ne realistische gedrosselte Downloadzeit von ner reichlichen halben Minute statt den rumgehenden 101 Sekunden. Das ist immer noch...lange. Aber wenn man ehrlich ist muss man nicht auf das letzte Werbebnner warten um auf "Handytarife" oder so zu klicken und in manchen Gegenden wären die Leute froh, wenn man wenigstens 384kBit (immerhin 6x ISDN) gelegt bekäme.

Und die Moral von der Geschicht? Das Internet lügt immer, also rechne nach bevor Du der durchs Dorf getriebenen Sau noch nen Tritt gibst.

Nachtrag: Die Überschrift bezieht sich auf den mir bekannten Spruch "Der Kunde lügt. Immer" aus Helpdesk-Kreisen bzw. ist eine Anspielung auf die Empörung der Heilkräuterpetition, wo man sich auf "Seiten im Internen, die die Wahrheit schreiben" verließ. Das Video selbst ist selbstverständlich keine Lüge und auch der Ersteller lügt nicht. Sorry, wenn das so rüberkommt. Ich möchte die "Aufregung" nur ein wenig...einordnen.

Drosselbande

Klaus Peukert » 24 April 2013 » in Politisches » 3 Kommentare

Weil es in meinem letzten Beitrag vom März nicht gut genug rauskam, hier nochmal. In der Debatte um die "Telekom-Drossel" gibt es drei Ebenen, die man voneinander unterscheiden muss:

Die Drossel an sich

Wenn die Telekom Volumentarife anbietet, dann ist das vielleicht unternehmerisch und für den Kunden doof aber keine Verletzung der Netzneutralität. Es wird halt entweder langsamer oder teurer. Wenn HaSe hier Recht hat, dann sind Volumentarife im Gegensatz zu Flatrates dem Netzausbau sogar förderlich, weil bei ersterem der "Wir müssen ausbauen"-Druck auf die Netzbetreiber steigt.

Bevorzugung von Diensten

Wenn plötzlich Spotify, Entertain (aktuell schon der Fall) oder später Skype, Youtube, netflix und andere Dienste bevorzugt bzw. von der Drosselung ausgenommen werden, weil/wenn entweder die Contentanbieter dem Netzbetreiber Wegzoll entrichten müssen, oder die Kunden des Netzbetreibers abkassiert werden, dann ist das ein Problem.

Je nachdem wie man sich nun Netzneutralität definiert immer noch keine Verletzung derselben (weil nix abgeblockt und keine Kommunikation verhindert wird), aber um ehrlich zu sein: Wirklich "neutral" ist daran nix mehr. Im aktuellen Fall haben wir hier also ein Problem, weil man dann irgendwann ein "Grundinternet" hat und für Skype, SocialMedia, OnlineTV usw. dann jeweils nen Extrapaket buchen muss. Das wäre doof.

Man könnte noch über Feinheiten reden, dass T-Entertain ja kein "Internet", sondern ein "interner" Dienst ist (technisch ist das auch so) und man daher das "Internet" auch nicht kaputt macht, sondern einen Nicht-Internetdienst separat anbietet und halt unabhängig vom Internetvolumen abrechnet, aber das lassen wir hier mal weg.

Deep Packet Inspection

Das Böse schlechthin. Jemand schaut direkt in die Übertragungsinhalte (liest also nicht nur die Anschrift aufm Briefumschlag, sondern auch das, was im Umschlag steckt) rein und popelt sich genau das raus, was tarzun grad auf Youporn anschaut, protokolliert es, meldet es oder blockt es. Das ist in der aktuellen Debatte offenbar nicht der Fall. Merken wir uns als "Böse. Will man nicht. BÖSE!" und lassen es aus der Telekom-Drossel-Netzneutralitäts-Debatte raus und behalten es im Hinterkopf.

Das Bonuslevel

Wißt ihr noch? Voss gegen Telekom? In den 90ern hat Robin Hood Holger Voss die Telekom gezwungen, seine Verbindungsdaten nicht zu speichern, weil das bei seiner Flatrate unnötig ist. Eines der Grundsatzurteile in der Vorratsdatenspeicherungdebatte. Wenn es nun aber statt Flatrates wieder Volumentarife gibt, dann sind die Verbindungsdaten wieder rechnungsrelevant und die Provider dürften speichern, wer wann welche IP-Adresse hatte.

Da haben wir dann obenauf also gleich noch die Debatte, ob die dann vermutlich wieder "erlaubte" Speicherung der Zuordnung einer IP-Adresse zu einem Kunden zu einem bestimmten Zeitpunkt zu den Bestandsdaten (weniger problematisch) oder zu den Verbindungs-/Bewegungsdaten (sehr problematisch) gehört. An der Stelle hab ich ja bekanntermaßen eine differenzierte Position und bin da eher auf der Linie von Alvar Freude, aber "VDS durch die Hintertür" hab ich gestern schon irgendwo gehört.

Zusammenfassung

Drei Ebenen + Bonus: Drossel, Bevorzugung, DPI, IP-Speicherung. Nicht miteinander einfach so miteinander vermischen bzw. wissen, was man wo wie meint.

  • Drossel: für flatrategewohnte Powerkunden doof, aber keine Verletzung der Netzneutralität.
  • Bevorzugung: Nicht neutral, tatsächlich ein Problem. Möglicher Dammbruch, weil man perspektivisch nur Basisinternet + Zusatzpakete bekommt
  • DPI: Spielt im Telekomfall keine Rolle, ist aber trotzdem Böse, Böse, Böse
  • IP-Speicherung: Bei Nicht-Flatratetarifen ist Speicherung idR zulässig, Thema hat daher lose Verbindung zur VDS-Debatte

Wie löst man das? Zum einen politisch, irgendwo im TKG steht, dass die Regulierungsbehörde ne entsprechende Verordnung zur Netzneutralität festlegen kann. Als Kunde: Wechseln zu einem Provider, der so nen Scheiß nicht macht (eher schwierig). Oder man baut sein eigenes Netz. Wie das geht, kann man nächste Woche in Leipzig bei den dortigen Piraten lernen.

Bestandsdatenauskunft ist Scheiße. Und nun?

Klaus Peukert » 09 April 2013 » in Piraten » 23 Kommentare

Für diesen Blogpost werd ich Dresche beziehen, aber was solls, ich bin ja nicht hier um Freunde zu gewinnen. Die ganze Piratenpartei mobilisiert zu Demos, druckt Flyer, dreht Videos, twittert und blogt was das Zeug hält. Weil die Neuregelung des TKG, der "Bestandsdatenauskunft" die neue Stasi ist, weil man fürs Falschparken des Facebookfreundes die Handy-PIN abgeschnorchelt bekommt und was sonst noch für Horrorszenarien an die Wand gemalt werden. So weit, so üblich.

Nun ist es aber so, dass ja im Internet oder mit Handys durchaus Straftaten begangen werden. Beleidigungen, Verstöße gegen die informationelle Selbstbestimmung, Accounthacks, dDOS-Angriffe und was weiß ich, was man noch für nen Blödsinn anstellen kann. Leute bekommen Droh-SMS von Unbekannten, ach, ihr findet schon was. Wenn wir nun die naheliegenden Dinge ausschließen ("Wem gehört das Telefon?", "Wer ist der Anschlußinhaber?"), dann müssen wir uns aber eine Frage gefallen lassen:

Wenn die Bestandsdatenauskunft Scheiße ist, wie antworten wir auf die Frage "Und wie werden im/über das Netz begangenene Taten aufklärt"?

Ich hab dieselbe Frage auf Twitter gestellt und gefühlt gab es nicht eine Antwort, die eine bessere Alternative bot (doch, einmal gabs "Gar nicht, alles bleibt wie bisher", immerhin). Es gab "Es ist nicht verhältnismäßig", "Es muss abgewogen werden" und ähnlich. Das ist ja völlig richtig, nur tun wir selbst das ja nicht, sondern kreischen nur "Schnüffelstasi 4.0" und erfinden abstruse Bedrohungsszenarien statt konstruktiv zu sagen wie das Gesetz besser aussähe.

Ich finde, dass wir als politische Partei uns nicht nur auf aktivistischen Protest und das Hochhalten von verschiedenen "Dagegen!"-Plakaten konzentrieren sollten, sondern es unsere Aufgabe ist, zu sagen wie es denn besser geht und warum unser Vorschlag besser ist. Da ist "An der Stelle kann man es dann halt nicht aufklären, weil der Preis zu hoch ist" ja ne Option. "Mit klassischen Methoden", auch gut. Aber wie sähe eine "piratiges" TKG denn aus? Ne leere A4-Seite, in Orange?

Schreibt mir mal in die Kommentare, was ihr über "Das ist Scheiße, mach das weg" hinaus tun würdet, um die widerstreitenden Interessen gegeneinaner abzuzwägen und sowohl Strafverfolgung zu ermöglichen, als auch Privatsphäre zu wahren.

Übrigens: Die üblichen Freitagsabmahnungen einer bekannten Kanzlei entstehen auf Grund eines zivilrechtlichen Auskunftsanspruches im Urheberrecht, der in weiten Teilen bereits ermöglicht, was bei der (strafrechtlichen) Bestandsdatenauskunft den neuen Überwachungsstaat triggern soll.

Vorratsdatenspeicherung

Klaus Peukert » 26 März 2013 » in Piraten » 0 Kommentare

Nach ihrem Versagen bei der Verhinderung des Leistungsschutzrechts tritt die SPD jetzt nach und ihr Häuflein Netzpolitiker nochmal kräftig in den Arsch. Ein gewisser Herr Stickelberger fordert, anscheinend auf direktem Weg aus 2009 angereist, mal eben die Vorratsdatenspeicherung.

Man sollte meinen, dass dieses Gespenst sich für alle Zeiten erledigt hat, weil eine verfickte komplette Überwachung der gesamten Kommunikation dieses Landes halt einfach mal ein nicht verhandelbares No-Go ist. Aber nein, ausgerechnet die sich ach so fortschrittlich gerierende SPD, die in der Netzsperrendebatte 2009 noch vor "medial unerwünschten" Schlagzeilen kuschte, kommt mit dieser Idee wieder aus der Höhle gekrochen.

Statt eine Cyberlegion von Cybermen in Cyberabwehrabwehrzentren vermeintlichen Cyberterrorismus bekämpfen zu lassen, sollten die Behörden lieber mit klassischen Methoden Straftäter im Netz ermitteln, das ist schließlich kein Hexenwerk. Wenn sexuelle Übergriffe in Chatforen von Journalisten statt von Polizisten aufgedeckt werden, dann sollen sich halt Polizisten hinsetzen und ermitteln, dazu sind sie schließlich da. Und die Regierungen sollten ihnen entsprechene Ressourcen hinstellen.

Herrn Stickelberger lege ich die Beschlüsse seiner Partei ans Herz, die sich in Baden-Württemberg schlicht und explizit gegen die Vorratsdatenspeicherung ausspricht (Seite 2 unten). Das Bundesverfassungsgericht hat die  Vorratsdatenspeicherung in den Orkus getreten, da hilft auch kein "VDS nur im Rahmen der BVerfG-Vorgaben", wie es im Grün-Roten Koalitionsvertrag steht (Seite 68 oben).

Eine anlasslose Speicherung sämtlicher Kommunikation ist nicht. Punkt, fertig aus. Ich gehe davon aus, nein, ich erwarte, dass Winfried Kretschmann seinen Minister zurückpfeift und ihm klar macht, dass er so einen Scheiß lassen soll (er darf es meinetwegen freundlicher ausdrücken). Und wer auch immer diesen Testballon zur VDS vorgeschickt hat: Nein. Won't happen.

Netzneutralität

Klaus Peukert » 22 März 2013 » in Politisches » 4 Kommentare

Soso. Die Telekom wird mal wieder evil und will plötzlich das umsetzen, was sie seit Monaten in ihre Verträge schreibt und DSL-Anschlüsse nach Aufbrauchen eines bestimmten "Internetverbrauchs" die Geschwindigkeit drosseln. Das ist jetzt nicht die schlaueste Idee, ist man sowas doch von Festnetzinternet nicht wirklich gewohnt, außerdem tritt man so seine Kunden in den Arsch. Damit "legt die Telekom die Axt an die Netzneutralität" habe ich heute gelesen. Nun, was ist jetzt eigentlich Netzneutralität?

Stellen wir uns mal ganz dumm und nehmen eine Autoanalogie: Bis auf Ausnahmen darf man die Straßen dieses Landes nutzen, egal womit, egal zu welchem Zweck. Egal wer die Straßen gebaut hat und egal wer die Schlaglöcher flickt. So ähnlich ist das auch auf der (Achtung: Wortspiel!) Datenautobahn. Jeder darf drauf und jeder darf von überall nach überall und darf erstmal alles machen. Das ist die klassische Definition von Netzneutralität: Die Provider transportieren alles, ohne Rücksicht auf den Inhalt, das Pornovideo, die Hausarbeit, das Katzenbild oder den neuesten Beitrag der Alphablogger.

Die Telekom nun macht folgendes: Wer im Monat schon 30mal über die Autobahn gebrettert ist, der darf weiter fahren, aber nicht schneller als. Warum man fährt und was man transportiert ist immer noch egal. Das Katzenbild kommt also etwas später an. Ihr merkt: Hier wird nicht inhaltlich eingegriffen und alle Internetinhalte sind weiterhin verfügbar. Das ist auch keine gar so ungewöhnliche Technik, so können per "Quality of Service"  bestimmte Internetdienste (Echtzeitübertragung von medizinischen Daten, Internettelefonie u.ä.) tatsächlich priorisiert werden. Der Dienst "Livevideo" kriegt also nen Blaulicht und nen Martinshorn und darf über die Datenautobahn brettern, der Rest muss halt mal kurz ranfahren.

Was  die Telekom macht heißt "traffic shaping", "Bandbreitenbegrenzung", Drosselung usw. Das ist jetzt erstmal unangenehm (wenn mein Smartphone nur auf GPRS läuft und die Bahnauskunft dann nicht mehr geht könnte ich ausrasten), aber das ist im Sinne der obigen Definition von Netzneutralität immer noch neutral, weil der Provider inhaltsunabhängig  arbeitet. Ja, dabei besteht natürlich die Gefahr (und mit "langsamen Youtube" und "kostenlosem Spotifytraffic" gibts auch die ersten Beispiele dafür), dass man am Ende da landet, das man zwar Internet hat, aber für alles interessante (Filme, iTunes, Streams aus den Parlamenten) nochmal extra löhnen darf oder gar für bestimmte Dienste ein Extra-Abo abschließen darf ("Youtube-Package", "Skype-Paket" ihr erkennt die Richtung).

Bei diesen Bonusleveln schaut die Telekom aber immer noch nicht in die Daten rein, sondern kuckt nur, von welcher Auffahrt sie kommen und sagt "Du kommst vom iTunes-Hof und willst zu Peukert ins Wohnzimmer? Du darfs lospreschen, der Peukert hat das Youtubepaket". Das klingt jetzt auch nicht sonderlich "neutral" ist aber keine Verletzung der klassischen Definition von Netzneutralität, weil ja immer noch keine Inhalte angefasst oder angesehen werden. Da wird auch nix zensiert, mitgelesen, abgeschnorchelt oder sonst an Inhalten manipuliert.

Was normalerweise mit einer "Verletzung der Netzneutralität" gemeint wird, ist das Reinschauen in die Internetdaten und feststellen "Facebook? Herr Peukert? Das hatten wir ihnen doch aber verboten!" und das ist echt ne eklige und fiese Sache, weil es plötzlich nicht mehr darum geht wieviel Internet ich nutze, sondern was ich da mache. Und das geht weder den Staat noch den Provider etwas an. Und schon gar nicht soll der irgendwie bestimmen dürfen, was ich mir in diesem Internet anschauen darf und was nicht.

Wir haben also drei Ebenen:

  • das Trafficshaping beim User, wenn er eine bestimmte Menge an Daten übertragen hat, wird der Rest langsamer, inhaltlich ändert sich aber nix. Bisher üblich bei mobilem Internet, jetzt auch Tisch für Telekom-DSL.
  • Vereinbarungen zwischen Providern und Dienstebetreibern, wo der eine dem anderen sagen kann "Bei uns gibts nur Fullsped wenn Du dafür zahlst", ansonsten gilt für Dich "(80 und mehr nicht), also sowas wie Terminierungsentgelte beim Telefonnetz.
  • Beobachten, Manipulieren und sonstnochwas von Internetinhalten mit "Deep Packet Inspection" (DPI), ner ziemlichen Sauerei.

Das wird leider immer vermischt und vielleicht schaffen wir es ja, in der Debatte irgendwie die Begrifflichkeiten sauber auseinander zu halten (ich bin ja so naiv).

Also. Das Trafficshaping beim User, ja mei. Ich finds auch blöd und 100/100MBit unlimitiert ins Wohnzimmer wären schon geil, aber wenn jeder ohne Probleme mit einem gedrosselten Handyvertrag klarkommt, dann ist die Empörung über die "plötzlichen" Pläne der Telekom irgendwie unglaubwürdig. Wo man noch ansetzen könnte wäre bei letzterem, ich hab nämlich keinen Bock auf ein Internet a'la Sky, wo ich mir die guten Sachen in irgendwelchen Paketen zusammenklicken muss. Hier wären mal definitive und gesetztliche Breitbandstandards sinnvoll, die auch bei Streits ums "Terminierungsentgelt" nicht unterschritten werden dürfen.

Die Ablehnung, Nichtanschaffung, das Verbot von DPI usw, dass ist in der Tat unheimlich wichtig, denn keinen Provider und keine Behörde geht es  etwas an, auf welchen Seiten ich mich rumtreibe und erst recht gehört  daran nicht rumgefuschelt, Inhalte verändert und ausgelesen und was für  Schweinereien mit DPI noch gehen. Diese Netzneutralität muss unter allen Umständen bleiben. Hier gibt es übrigens das persönliche Wort vom Telekom-Obermotz, das so etwas nicht, nie und nimmer kommen wird

P.S. Danke an Kristian Köhntopp für die Inspiration zu diesem Beitrag, der diese Unterscheidung von "Neutralitäten" vor längerem mal viel erklärbäriger aufschrieb, dessen Blog auf Grund diverser dämlicher gesetzlicher Rahmenbedingungen dieses Landes von uns gegangen ist.

De-Mail

Klaus Peukert » 21 März 2013 » in Politisches » 1 Kommentar

De-Mail. In aller Munde. Der CCC schimpft, die Zeitungen schreiben, die Netzgemeinde lacht über die Internetausdrucker im Ministerium. Das übliche mal wieder. Worum geht's da eigentlich und was ist das Problem an De-Mail überhaupt bzw. den neuen Änderungen?

Mit De-Mail wollte man irgendwie, ganz modern und schnieke, auch per Mail "offiziell" kommunizieren um nicht für jeden Furz einen Brief oder ein Fax schicken zu müssen. Was nicht so ohne weiteres geht, da E-Mail im Vergleich zu Briefen und Faxen (juristisch und technisch) "unsicher" ist und Dinge wie Vertraulichkeit ("Kein Unberechtigter liest mit"), Integrität ("Nachricht ist unverändert") und Authentizität ("Nachricht ist wirklich vom Absender") erstmal nicht so einfach und schon gar nicht einfach so für alle gehen.

Man baut nun, basierend auf haushaltsüblichen Techniken (SMTP, SSL, Zertifikate) eine geschlossene Benutzergruppe auf, um vordergründig obige Möglichkeiten zu schaffen und en passant plötzlich in der Lage zu sein, Mailversand-/empfang, hoppla wie ist das denn passiert?, monetarisieren zu können. Weil, man hat jetzt so ne schöne Sache, wäre doch schade, wenn sich das nicht finanziert. Dabei macht man nicht alles richtig oder perfekt, aber sich immerhin ein paar Gedanken was Prozesse, Spezifikationen und Ähnliches angeht, sorgt dafür, dass alle teilnehmenden Unternehmen "akkreditiert" sind, dass die Zertifikate für die Transportverschlüsselung immer aktuell gehalten und geprüft werden und sonst auch ne Menge Geshizzle, das man bei "normalen" Mails nicht macht.

Kleiner Einschub: Wir reden ja immer von Verschlüsselung. Dabei geht es einmal um die "Sicherung" des Transportwegs von jeweils einem Server der beteiligten Unternehmen zu einem anderen (gibt es auch zwischen "normalen" Mailservern, genaugenommen ist es sogar die gleiche Technik) und zum anderen um eine "Absicherung" direkt vom Sender zum Empfänger ("Ende-zu-Ende"). Ersteres ist Standard bei De-Mail, zweiteres geht auch, muss man sich aber selbst drum kümmern oder einen schlauen Piraten fragen, wie das denn geht. In ersterem Fall schreiben wir also einen Postkarte, die wir in eine verschlossene Kiste werfen, in die keiner reinschauen kann. Auf jedem Server wird die Kiste aber aufgemacht, die Karte "geröntgt" und in eine andere verschlossene Kiste geworfen, bis der Empfänger sie bekommt. In zweiterem Falle passiert dasselbe, nur dass auf der Postkarte eine Geheimschrift steht, die nur der Empfänger lesen kann.

OK, wir haben jetzt also eine Art "E-Mail 2.0" mit einem Haufen Spezifikationen und Schnick und Schnack und man kann dafür Geld verlangen. Nutzt nur keiner. Zu kompliziert, nicht weit genug verbreitet, der CCC und die Piraten schimpfen immer doll drüber. Finanziert sich also tatsächlich nicht. Was nun? Machen wir es doch zur Pflicht! Bzw. erlauben wir es an anderen Stellen, wo man heute noch Briefe u.ä. schicken muss. Das blöde ist, dass diese anderen Stellen (Steuergesetze, Abgabenordnung bspw.) jetzt ziemlich knackige Anforderungen stellen, was Geheimnisse und Schutz von Daten angeht und unsere schöne geschlossene Gesellschaft namens De-Mail diese Anforderungen halt nicht erfüllt, zumindest nicht, wenn wir uns nur auf die verschlossenen Kisten als Schutz verlassen und ohne Geheimschrift kommunizieren.

Statt jetzt aber die bisher optionale "Geheimschrift" irgendwie so hinzubekommen, damit dass auch geht, ohne immer einen schlauen Piraten fragen zu müssen, sagt man einfach "Ach, wißt ihr, wir schreiben in die Richtlinien einfach rein, dass das schon so passt". Man legitimiert also lieber die geschlossene Gesellschaft, um endlich seine Gelddruckmaschine zu bekommen, statt die Technik an das Gesetz und seine Anforderungen anzupassen. Das wäre ja anstrengend und außerdem effizient und sowas ist ja eher unerwünscht. Es ist in der Tat ein ziemlicher Skandal, da haben Piraten und CCC trotz ihrer oft eher empörungszentrierten Sicht auf die Welt einen validen Punkt, dass hier lieber Gesetze an technische Unzulänglichkeiten angepasst werden, anstatt die bisher optionale Vergeheimschriftlichung zwingend und automatisch und auch von Ottilie Normalverbraucherin bedienbar zu machen.

Weil, wenn die Bevölkerung jetzt nämlich plötzlich anfangen würde, großflächig richtig verschlüsselt zu kommunizieren, und den Behörden die gesetzlichen Priviliegien zum Zugriff auf Mails und andere Bestandsdaten (soll übrigens mal wieder beschlossen/erweitert werden) nix mehr nützen, ist es klar, dass Meister Friedrich nicht davon begeistert ist, wenn seine Schäfchen plötzlich die freie und  unbeobachtete Kommunikation entdecken.

Am Ende ist die bloße Existenz von De-Mail per se erstmal nicht das Problem, es muss ja (noch) niemand nutzen, es sind letztlich stinknormale (nur von Server zu Server verschlossen transportierte Klartext-)Mails innerhalb ner geschlossenen Benuzergruppe, die Technik ist nicht vollkommen blöde (nochmal: Da passiert technisch nicht mehr als jetzt überall auch schon, nur formaler und mit definierten Spezifikationen für die Teilnehmer), "richtig" verschlüsseln kann man selbst ja auch, wenn man will (und der schlaue Pirat es einem erklärt hat), also was soll's.

Es ist also nicht die aktuelle Technik das Problem, die ist, wenn gleich far from perfect sogar ein wenig besser als "normalen" E-Mails. Das Problem ist der Unwillen zu echter und kompletter Nutzung der "Geheimschrift", die Anpassung der Gesetze statt der Verbesserung der Technik, und da sollte das Ministerium lieber dafür sorgen, dass Ende-zu-Ende-Verschlüsselung alltagstauglich wird, statt zu sagen "Naja, ist halt kompliziert, fangen wir es lieber nicht an, könnte ja schön werden".

Aber bei aller Häme hat das Ministerium auch einen Punkt: GPG/PGP ist, richtig benutzt, eben tatsächlich noch kein Allerweltswerkzeug und wir sollten die unsägliche Arroganz des Netzbürgers mal loslassen und uns nicht immer als die Geilsten hinstellen, nur weil wir es hinbekommen haben, Thunderbird mit integriertem Enigmail zu installieren.

Wir lassen uns die Dummheit nicht verbieten

Klaus Peukert » 18 März 2013 » in Politisches » 2 Kommentare

Mit dem vorraussichtlichen Nein der FDP-Minister wird es aller Wahrscheinlichkeit nach kein erneutes Verbotsverfahren gegen die NPD von Seiten der Bundesregierung geben. Der FDP-Chef Philipp Rösler ist der Meinung, dass man "Dummheit nicht verbieten kann" und spricht sich daher gegen ein Verbotsverfahren aus. Natürlich "reicht" ein Verbot alleine nicht und ein Verbot macht Nazis nicht über Nacht zu Demokraten und natürlich braucht es Bildung, Aufklärung und andere politische Maßnahmen im Engagement gegen Rechts. Aber lieber Herr Rösler:
Man kann Dummheit vielleicht nicht verbieten. Aber man muss sie ganz sicher nicht finanzieren! Es gibt keinerlei Grund, die Ressourcen unserer Demokratie ausgerechnet ihren Feinden zur Verfügung zu stellen.
Ein  Verbot entzieht der NPD u.a. die Parteienfinanzierung und sorgt dafür, dass Steuergelder nicht mehr für eine Organisation ver(sch)wendet werden, die sich Lichtjahre außerhalb des Konsens aller Demokraten befindet. Mit einem NPD-Verbot ist es aber nicht getan: Wenn ganze  Verfassungsschutzbehören nichts anderes zu tun haben, als ausgerechnet  verfassungsfeindliche Strukturen zu schützen, aufzubauen und zu  betreiben, dann kann ein solches Verbot nur einer von vielen noch  notwendigen Schritten sein.

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